Meine neue Jeans als philosophisches Statement

Vorwort von Giorgio Sironi:
 
„Als ich Robert fragte etwas für meinen Blog zu schreiben, habe ich mit irgendwelchen Tipps, wie man die eigene Firma optimieren kann, gerechnet, wurde aber eines besseren belehrt. Robert hat mir aus der Seele gesprochen. Er hat diesen Artikel geschrieben, ohne von meiner Freundschaft mit Martin von LD denim zu wissen, und dass wir schon seit langem Gespräche über Nachhaltigkeit und Beständigkeit führen. Die Überraschung war sehr willkommen.“
 

 
Ich habe mir gerade meine erste Selvedge Jeans gekauft. Warum macht man so einen Schwachsinn?
 
Vielleicht sollte ich kurz erklären was das überhaupt ist. Selvedge Jeans sind die ursprünglichen Denims aus den USA von mechanischen Webstühlen gewebt. Sie wiegen gefühlte 21kg, ich komme mir darin noch dicker vor als ich eh schon bin und sie fühlen sich an meinen Beinen an, wie wenn sie eiserne Geh-Hilfen wären. Der Begriff kommt von „self-edged“, weil die Webkanten nicht wie heute geschnitten, sondern auf einem farbigen Faden fixiert werden. Meistens wird dafür weiß oder rot verwendet (siehe Foto).
 
 
Man erkennt es daran, dass man das Hosenbein auf links dreht und dort sieht man die farbigen Streifen an der Webkannte. Die Webstühle, die solche Ungetüme herstellen können, weben den Stoff mit nur einem Schussfaden (ununterbrochen hin und her), sie sind deutlich langsamer im Vergleich zu heute und sie sind signifikant schmäler als die modernen. Dadurch braucht man einen wesentlich längeren Stoffballen pro Jeans und das wiederum macht die Sache so teuer (ca. 1 Monatslohn). 
 

Also zurück zur ursprünglichen Frage: warum kauft man so was?

MEINE Ausrede war – Sicherheit am Motorrad. Der Stoff ist so dicht verwoben, dass er ähnliche Abriebwerte wie Kevlar-Jeans hat. Wer solch ein Produkt kennt, weiß wie unangenehm sie zu tragen sind. Und ich meine wirklich unangenehm. Im Sommer fühlt man sich darin, wie sich mein Hund fühlen muss, wenn ich wieder vergessen habe seine 19kg Unterfell vom Winter auszukämmen. Der Chef von LD in der Burggasse verspricht mir, dass sich meine Ironheart 21oz. schon nach 6 Monaten täglich tragen anfühlen werden wie meine Pyjama Hosen (allerdings hatte ich noch nie welche und kenne daher das Gefühl nicht). Es ist wirklich so, man soll sie täglich tragen und möglichst selten waschen. Wirkliche Freaks tragen sie 10 Jahre und mehr ohne sie auch nur in die Nähe von Wasser und Reinigungsprodukten kommen zu lassen.  
 
 
Die Ironheart 21oz ist aus Japan. Why the hell aus Japan? Das ist leicht erklärt – nachdem die modernen Webstühle die Schützenwebstühle in den USA verdrängt hatten, wurden die meisten in den 60iger Jahren nach Japan verkauft. Dort stehen sie heute noch und so wurde Japan zum Mekka der selvedge Denims. 
 

Ich versuche jetzt mal ehrlich zu mir zu sein:

rückblickend ist diese Denim nur ein weiterer Schritt in einer heimlichen Verwandlung kafkaesker Art.
 
Begonnen hat alles damit, dass ich vor 1,5 Jahren unbedingt meinen alten Plattenspieler wieder zum Laufen bringen musste. Nicht weil ich Vinyl hören wollte, nein, weil ich Platten hören wollte. Meine alte Plattensammlung, die ich durch unzählige Umsiedelungen mitgeschleift habe, weil ich immer schon tief in mir drin wusste, dass sie wieder einmal wichtig für mich werden sollte. Ich habe 1,5 Jahre bis nach Berlin einen Menschen gesucht, der meinen alten Plattenspieler reparieren konnte. Ich wollte einfach keinen neuen kaufen.
 
 
Der nächste Schritt war, dass ich mit 4 alten Dudes eine Seniorengruppe gebildet habe, mit dem Ziel die Top 500 Songs of all times zu bestimmen. Aber nicht etwa in einem einfachen Prozess. Wir wühlen uns gerade durch eine Shortlist! von 1.750 Songs. Hören ALLE an und bestimmen in einem DISKURSIVEN Entscheidungsprozess die besten Songs. Am ersten Abend haben wir uns um 18h getroffen (wir sind ja schon alle über 40) und haben bis 4h Früh konzentriert gearbeitet. Nach dem Buchstaben A waren wir extrem stolz, dass wir auch noch B geschafft haben. Wir wollen uns 1x pro Monat treffen. Nach internen Berechnungen werden wir bis November 2018 brauchen, um fertig zu werden. Aber das macht nichts. Das ist genau der Sinn.
 
Und es hat den selben Ursprung wie meine Iron Heart und mein Plattenspieler und mein Bankdrückgestell und meine neuen Chippewa Boots (über die erzähle ich nächstes Mal 😉 und…
 

Die Grundursache für all das

ist meine unglaubliche Sättigung an Billigkonsum, Wegwerfprodukten und sowas wie kurzfristigen, modischen Diktaten. Ich habe Verlangen nach Qualität, Beständigkeit und Ursprünglichem (da liege ich voll im Trend mit gleichnamigen Hofer-Produkten). Woher kommt das? Wahrscheinlich weil ich älter werde. Wurscht.
 
Das alles ist leider nicht immer leicht leistbar, aber viel befriedigender. Lieber 1 Denim in der ich Scheiße aussehe für 10 Jahre, als jedes Jahr das neueste Modell in dem ich auch Scheiße aussehe. Das ist wirklich so, probierts es aus!
 
PS: Während des Schreibens habe ich 2 Platten gehört – von Muddy Waters und Ray Charles. Noch so ein Zeichen…
 

Bilder: Dannenmaier Privat, Pixabay und Iron Heart.

Sag mir was du denkst!!