Eine Mahlzeit ohne Wein heisst Frühstück

Oder warum die Italiener selten angesoffen sind.

 
 
Laut den Gesundheitsforen wären alle Italiener Alkoholiker.
Ja, weil ein Merkmal für Alkoholiker ist: „der tagtägliche Konsum von Alkohol“. Buchstäblich jeden Tag.
 
Wir tun es,… wir trinken jeden Tag, bei jeder Mahlzeit,… Wein.
Ich darf das leider nicht mehr.
In Österreich wäre es unangemessen, sich zum Beispiel bei der Mittagspause ein Glas Wein zu gönnen.
Excuse me!! Bei der Arbeit? Wo samma denn!!
 

Sind Italiener wirklich versoffene Nichtstuer?

 
Nein, wir sind Genießer und sehr moderate Trinker. In einer durchschnittlichen italienischen Familie ist immer eine Flasche Wein am Tisch. Alle bedienen sich davon, jemand spritzt ihn mit (dem auch omnipräsenten) Mineralwasser, jemand trinkt den Wein pur. Oft auch die Kinder. Wahnsinnig? Ja. Wir wurden mit Rotwein gefärbten Mineralwasser grossgezogen, statt mit picksüssem dick(machend)en Säften.
img_6706Als ich zwischen 13 und 18 die Schule besucht habe, war ich immer als letzter zu Hause. Meine Mutter hat immer ein extra Mittagessen für mich vorbereitet, hat den halben Tisch gedeckt, mit Tischtuch, Teller, Besteck, Brotkorb, Mineralwasser und… einer Flasche Wein!
Es war süsser Moscato d’Asti, aber es war trotzdem Wein. Ich habe immer ein oder zwei Gläser davon getrunken, habe mein wunderbar schmeckendes Mittagessen genossen und habe danach ein oder zwei Stunden Schläfchen gemacht. Wie ein Baby!
 
 

Wir trinken aber wenig.

Ein Glas ist ungefähr der Massstab. Wir trinken aus Genuss, um das Essen richtig zu begleiten, damit sich die verschiedenen Geschmäcker entfalten. Wir freuen uns auf das wohltuende samtige Gefühl eines Rotweins oder auf den belebenden säuerlichen Kick eines Weissen.
 

Selten sind Italiener angesoffen.

In vielen Jahren der Beobachtung als Reiseleiter habe ich gesehen, dass Italiener viel weniger als die meisten trinken. In all-inclusive Resorts sind Engländer und Deutsche bekannt ihr Geld wett zu machen, besonders was die Getränke betrifft. Italiener sind da sehr zurückhaltend.
 

Wir wollen etwas anderes, wir wollen nicht saufen, wir wollen die Kultur des Trinkens.

Wir wachsen in einer Umgebung auf, wo Alkohol kein Tabuthema ist, wir lernen, von der Wiege aus, Ursache und Wirkung. Wir entwickeln unseren Geschmackssinns für hochwertige Produkte und wir prägen uns, durch das Beispiel unserer Eltern, moderat und genussvoll zu trinken.
 
Ist das der richtige Zugang? Waren meine Eltern Wahnsinnige?
Ist Saufen vs Trinken ein Thema?
Bin sehr gespannt auf eure Kommentare.
Prost.
 
P.S.: „Oder es ist Sonntag, dann heisst es nicht mehr Frühstück sondern Aperitivo und man trinkt einen Prosecco dazu. Und vielleicht ein zweiten oder ein dritten. Aber der ist eh wie Saft!“

Foto:  Mein Opa, Nonno Carlo (erster von rechts) mit seinen Freunden in den 90er Jahren.

2 comments

  1. Giselheid Weller 19 Januar, 2017 at 09:33 Antworten

    Da bin ich ja nur froh, obwohl kein Tropfen italienischen Blutes in meinen Adern fließt, dass ich jetzt eine Adresse habe, an die ich mich wenden kann, wenn man mich beim Kochen bspw eines Risottos mit Radiccio, die offene Flasche Wein zum Kosten, Kochen und zum anschließenden Verzehr in der Küche und am Esstisch stehen habe, argwöhnisch beobachtet und mir ein schlechtes Gewissen zu machen versucht.. Aber ich meine, es muss ja halt auch schmecken, nicht?! Man isst ja schließlich nicht zur reinen Nährstoffaufnahme 😉
    Super nette, coole site (y)

    • GSironi 19 Januar, 2017 at 15:54 Antworten

      Jederzeit und immer kannst du dich an uns wenden, liebe Gisel! Wird eh Zeit dass ihr mal den unendlich weiten Weg auf euch nehmt und zu uns rüberkommt. Vielen vielen Dank für dein Kompliment! Da freu ich mich sooooo, Gio

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